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Kranzniederlegung zur Gedenkveranstaltung am Tag der Befreiung 8. Mai 2019 (Foto: LHP) Oberbürgermeister Mike Schubert und die Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung, Birgit Müller, haben heute dem 74. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus und des Endes des Zweiten Weltkrieges gedacht. Sie legten auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof am Bassinplatz einen Kranz nieder. Schubert erinnerte an die brutale Gewalt des Krieges und dem großen Leid der Menschen. 70 Jahre nach Gründung der Europäischen Union sei Europa heute ein Friedensprojekt, ein gemeinschaftliches Werk in Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, das dazu aufruft, den Frieden zu bewahren und nicht zugunsten einer neu aufkommenden nationalistischen und autoritären Politik einzuschränken oder gar Stück für Stück auszuhöhlen. Das Gedenken der Landeshauptstadt findet in Kooperation mit der Brandenburgischen Freundschaftsgesellschaft e. V. (BFG) und der Schule der Künste „InteGrazia“ des deutschrussischen Vereins „Semljaki e. V.“ statt. Anbei dokumentieren wir die Rede des Oberbürgermeisters: „Sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin, sehr geehrte Botschaftsvertreter, sehr geehrte Frau Müller, sehr geehrter Herr Muck, sehr geehrter Herr Brix, sehr geehrte Landtags- und Stadtverordnete, meine Damen und Herren, der 8. Mai gehört zweifelsohne zu den tiefsten Zäsuren der deutschen und europäischen Geschichte. In der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 wurde im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst das Einstellen aller Kampfhandlungen nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht vereinbart. Nun schwiegen endlich die Waffen – zumindest in Europa. In Asien sollte der Zweite Weltkrieg noch bis zum 9. September 1945 andauern und mit dem Abwurf zweier Atombomben ein furchtbares Fanal erreichen. In Europa hatte der vom Deutschen Reich entfesselte totale Krieg am 8. Mai zu seiner totalen Niederlage geführt. Dieser Krieg hatte die unvorstellbare Zahl von bis zu 60 Millionen Todesopfern gefordert. Dieser Krieg hatte ganze Städte in ganz Europa in Schutt und Asche gelegt. Dieser Krieg hatte Millionen von Menschen entwurzelt, sie zur Flucht genötigt und aus der Heimat vertrieben. Dieser Krieg hatte sich in die Körper und Seelen der Menschen so tief eingebrannt, dass für Millionen von Menschen der Krieg zwar vorbei, aber längst nicht abgeschlossen war. Heute am 8. Mai gedenken wir in Trauer der 60 Millionen Todesopfer des Krieges und der Gewaltherrschaft. Wir gedenken der sechs Millionen ermordeten europäischen Juden. Wir gedenken ebenso der ermordeten Sinti und Roma, der Menschen mit Behinderung. Wir gedenken der Menschen, die aufgrund ihrer politischen du religiösen Überzeugungen in den Tod gehen mussten. Und wir gedenken der Soldaten, die ihr oft so junges Leben ließen, als sie Potsdam vom Nationalsozialismus befreiten und die auf diesem Friedhof ihre letzte Ruhestätte haben. Der 8. Mai trägt eine Vielschichtigkeit in sich, die uns in unserer gemeinsamen Erinnerung stark herausfordert. Als Befreiung erlebten all jene die bedingungslose Kapitulation, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gelitten hatten. Aufatmen konnten all jene, die unter der nationalsozialistischen Diktatur geächtet, verfolgt, weggesperrt und unter Zwangsarbeit ausgebeutet worden waren. All jene wurden aus tiefster Demütigung und Todesgefahr befreit. Ihre Sehnsucht nach einem Ende des nationalsozialistischen Deutschlands war in Erfüllung gegangen. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung erlebte den 8. Mai 1945 jedoch nicht als Befreiung. Sehr viele hatten Angst vor dem, was kommen würde. Sehr viele befürchteten, ihre Daseinsberechtigung verspielt zu haben. Wie sollte nach solch einem Krieg neues, normales Leben wieder möglich sein? Der völlige Zusammenbruch des zwölf Jahre währenden nationalsozialistischen Regimes hatte letztlich doch einen geistigen und moralischen Bankrott der deutschen Gesellschaft bedeutet. Dabei ist der 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 zu trennen, als Adolf Hitler die Macht übertragen wurde unter dem Jubel so vieler Menschen, die dieser Bewegung verfallen waren oder die Augen verschlossen oder wegschauten oder stillschweigend duldeten, wenn Kritiker und Andersdenkende der neuen, radikalen Bewegung verfolgt, weggesperrt und ermordet wurden. Was wir ebenfalls nicht verschweigen dürfen: Der Krieg, der 1945 endete, begann vor 80 Jahren, als eben Deutschland moralische Sitten und völkerrechtliche Verbindlichkeiten brutal beiseiteschob, um mit dem Überfall auf Polen einen verbrecherischen Vernichtungskrieg anzuzetteln. Als die alliierten Soldaten und insbesondere die Rote Armee unter höchsten Opfern den Sieg über das nationalsozialistische Deutschland erkämpft hatten, wurden die Deutschen in gewisser Weise von sich selbst befreit. Wir haben uns mittlerweile daran gewöhnt, im 8. Mai den paradoxen Zusammenhang von Niederlage und Befreiung zu erkennen. Die Deutschen wurden gleichwohl nicht nur befreit vom Nationalsozialismus, vom Krieg, von Gewalt, von einem Irrweg ihrer eigenen Geschichte – und in dieser Befreiung war für viele eine Niederlage eingeschrieben. Die Deutschen wurden auch befreit zu Etwas. Wir wurden befreit zur Zivilisation. Wir wurden befreit zu bürgerlichen Freiheitsrechten. Wir wurden befreit zu Menschenrechten. Freilich gestalteten sich Ende und Anfang 1945 in Ost und West nicht gleichermaßen. Mit der Befreiung erlebte der Osten Deutschlands sehr bald eine neue Unterdrückung, die erst 1989 ihr Ende fand. Die unterschiedliche Erinnerung an den 8. Mai im Osten und Westen Deutschlands, aber natürlich auch die je unterschiedlichen Erinnerungen an das Kriegsende in den europäischen Ländern, all jene Erinnerungen haben die Bereitschaft geformt, Schuld und Verantwortung anzunehmen als eine der zentralen Voraussetzungen dafür, demokratisch zu sein. Nehmen wir die Erinnerung wirklich ernst, dann führt uns diese Erinnerung zu einer ehrlichen, aber auch schonungslosen Auseinandersetzung mit unserer jeweiligen Vergangenheit. Es geht dabei um die innere Befreiung durch einen wahrhaftigen Umgang mit den schuldhaften Anteilen der Geschichte. Insofern können wir von Befreiung durch Erinnerung sprechen als einen Prozess, der nicht abgeschlossen, der vielmehr aktiv voranzutreiben ist. Mehr denn gilt das heute. 70 Jahre nach Gründung der Europäischen Union als ein Friedensprojekt für Europa heißt es, dieses gemeinschaftliche Werk zu bewahren und nicht zugunsten einer neu aufkommenden nationalistischen und autoritären Politik einzuschränken oder gar Stück für Stück auszuhöhlen. Gerade wir Deutsche sind einen schmerzhaften Weg in der Auseinandersetzung mit unserer schmerzhaften Vergangenheit gegangen. Dieser Weg hat uns jedoch zu mündigen Bürgern gemacht mit Verantwortung für unser Tun und unser Unterlassen. Wir können uns heute nicht mehr aus dieser historisch gewachsenen, durch eine innere Befreiung erfolgte Mündigkeit und Souveränität davonstehlen. Aus der Erinnerung gerade an den 8. Mai 1945 erwächst die Verantwortung für unsere Zukunft, für ein Potsdam, für ein Deutschland, für ein Europa in Freiheit und Frieden. Wir alle sind aufgefordert, unseren Beitrag dafür zu leisten. Lassen Sie uns nun eine Minute still schweigen zu Ehren der Toten von Krieg und Gewalt.“

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News veröffentlicht am 08.05.2019

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