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Oberbürgermeister Mike Schubert: „Das Ziel muss Parität sein – überall.“Mit einem Festakt wurde am Montagabend im Museum Barberini an die erste Stadtverordnetenversammlung der Landeshauptstadt Potsdam, in der auch Politikerinnen saßen, vor 100 Jahren erinnert. „Nur eine Gesellschaft, die die Gleichberechtigung von Frauen und Männern lebt, kann eine gerechte Gesellschaft sein. Und deshalb steht es uns gut zu Gesicht, unseren Wahlrechtskämpferinnen und Politikerinnen der ersten Stunde ein ehrendes Gedenken zu bewahren“, sagte Oberbürgermeister Mike Schubert, der neben Ortrud Westheider, Direktorin des Museums Barberini, und der Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung, Birgit Müller, zu den Gästen sprach. Die Festveranstaltung fand auf den Tag 100 Jahre nach der ersten Sitzung einer Potsdamer Stadtverordnetenversammlung, in der auch Frauen saßen, statt. Sechs der 60 Abgeordneten waren Frauen. Nachdem am 19. Januar 1919 bundesweit die ersten freien Wahlen zur Nationalversammlung stattfanden, waren die Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung in Potsdam am 2. März 1919. Oberbürgermeister damals war Kurt Vosberg. „Über unsere ersten weiblichen Potsdamer Stadtverordneten ist leider nur wenig bekannt. Und damit teilen sie das Schicksal vieler mutiger und engagierter Frauen in unserer Geschichte“, sagte Mike Schubert. „Ihr Erbe und Vorbild darf nicht vergessen werden. Insofern freue ich mich, dass in der Innenstadt mit dem Frauenwahllokal ein Ort geschaffen wurde, der sich für die Sichtbarkeit von Frauen und ihre Belange einsetzt“, so der Oberbürgermeister. In die Stadtverordnetenversammlung sind im März 1919 Elisabeth Holmgren (Deutschnationale Volkspartei), Helene Krohn, Martha Schulz (beide Deutsche Demokratische Partei DDP), Berta Beyertt (SPD), Mathilde Lange (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands USPD) und Elisabeth Hoffmann (Nationalliberale Deutsche Volkspartei) gewählt worden. „Eine demokratische Gesellschaft und lebenswerte Stadt kann auf die Sichtweisen, Kompetenzen und Erfahrungen von Frauen nicht verzichten. Das Ziel muss Parität sein – Parität überall, ob in der Politik, in der Wirtschaft, in der Verwaltung und auch in der Wissenschaft sowie im Übrigen auch im kulturellen Bereich“, sagte Mike Schubert. Der Brandenburgische Landtag hat nach Ansicht von Schubert mit der Verabschiedung des bundesweit ersten Paritätsgesetzes am 31.Januar dieses Jahres ein herausragendes gleichstellungspolitisches Signal gesetzt. „Das sollte Vorbildwirkung haben, auch in den Kommunen. Denn seit Jahren sinkt hier der Anteil weiblicher Stadtverordneter wieder“, so Schubert. In Potsdam waren 1993 noch 44 Prozent der Stadtverordneten Frauen – heute sind es mit 21 von 57 Mitgliedern nur noch 37 Prozent. Und es gibt auch Fraktionen ganz ohne Frauen.   Grußwort Oberbürgermeister Festakt 18. März im Museum Barberini Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste, Es scheint auf den ersten Blick ungewöhnlich, ja unpassend zu Beginn einer Rede auf eine, Veranstaltung zu verweisen, bei der man gerade war. Wenn Sie meine Begründung erfahren, so glaube ich, werden Sie dies auf den zweiten Blick verstehen. Im unmittelbaren Vorfeld des sogenannten „Tages von Potsdam“, der sich in dieser Woche zum 86. Mal jährt, findet nebenan in der Nikolaikirche gerade eine Veranstaltung statt, die ich eröffnet habe. Nur 14 Jahre nachdem das Frauenwahlrecht erkämpft war und erstmals Potsdamer Frauen in die Stadtverordnetenversammlung gewählt wurden, begann hier unweit das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Es begann eine Zeit, in der auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft reduziert wurde auf die der Reproduktion und der Rolle hinter dem vermeintlich „starken Mann“. Dieser Ort an dem Sie heute feiern, wurde am 14. April 1945, als der Krieg endgültig in Potsdam ankam und viel Leid über die Stadt brachte, zerstört. Es ist sicherlich die größte Lehre aus der Tragödie zwischen 1933 und 1945, dass wir unsere Geschichte beeinflussen können und müssen. Angesichts eines gegenwärtigen Rechtsrucks in der Gesellschaft, durch den die Rolle der Frau und deren gleichberechtigter Teilhabe und die Frage einer paritätischen Gesellschaft in Frage gestellt wird, im Angesicht dieses Erstarken rechter Kräfte, wird aus der Lehre eine Mahnung und die Verpflichtung etwas dagegen zu unternehmen. Und auch dazu sind Veranstaltungen wie unsere hier und heute wichtig. Solche großen Jubiläen wie 100 Jahre Frauenwahlrecht sind dazu da, an Erfolge zu erinnern und gleichzeitig den Blick nicht nur zurück zu richten, sondern auch nach vorne. Ich begrüße sie sehr herzlich zum heutigen Festakt, hier im Museum Barberini, dem Ort, wo vor genau 100 Jahren die erste Potsdamer Stadtverordnetenversammlung mit sechs neu gewählten weiblichen Stadtverordneten stattfand. Das war auch für Potsdam eine Sternstunde in der Geschichte der Demokratie. Dass Frauen ihren Platz in der Politik erobert haben hat viel Mut gegenseitige Unterstützung und Vernetzung verlangt. Es zeigt, wie stark Frauen sind, wenn sie zusammen handeln. Und diese Frauen haben nicht für eine Klientel gekämpft, sondern sie haben für ein Menschenrecht gekämpft. Es ging und es geht immer wieder um die Gleichwertigkeit eines jeden Menschen. Nur eine Gesellschaft, die die Gleichberechtigung von Frauen und Männern lebt, kann eine gerechte Gesellschaft sein. Und deshalb steht es uns gut zu Gesicht unsere Wahlrechtskämpferinnen und den Politikerinnen der ersten Stunde ein ehrendes Gedenken zu bewahren. Über unsere ersten Potsdamer weiblichen Stadtverordneten ist leider nur wenig bekannt. Und damit teilen sie das Schicksal vieler mutiger und engagierter Frauen in unserer Geschichte. Viele Frauen haben in Potsdam – ebenso wie Männer während ihrer Lebenszeit ihre Umgebung gestaltet und durch ihre Aktivitäten vielfältig und nachhaltig in sie hineingewirkt. Sie hatten aber oftmals nur in Ausnahmefällen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Ihr Erbe und Vorbild darf nicht vergessen werden. Auch über die ersten sechs Potsdamer weiblichen Stadtverordneten ist nicht viel mehr als ihr Name, ihr Beruf und ihre Partei bekannt. Insofern freue ich mich, dass in der Innenstadt Potsdams mit dem Frauenwahllokal ein Ort geschaffen wurde, der sich für die Sichtbarkeit von Frauen und ihre Belange einsetzt. Die Initiative des Frauenwahllokals hat das Eiscafe „Evas Sünde“ in der Potsdamer Innenstadt in ein Bildungs- und Erlebnisort zum Thema Frauenwahlrecht und Frauenpolitik verwandelt. Danke auch einmal an die Betreiberinnen. Das war und ist eine großartige Sache. Und ich frage mich manchmal, ob der Name des Cafes auch Teil des Plans war oder reiner Zufall? Wie dem auch sei, in den vergangenen Wochen und Monaten hat das Frauenwahllokal durch eine Vielzahl unterschiedlicher Angebote und Veranstaltungen auf innovative Weise der 100jährigen Wiederkehr des Frauenwahlrechts gedacht und gleichzeitig Fragen aktueller Frauenpolitik auf die gesellschaftliche Agenda unserer Stadt gesetzt. Denn das ist nach wie vor wichtig, trotz der Erfolge. So hat der Brandenburgische Landtag mit der Verabschiedung des bundesweiten ersten Paritätsgesetzes am 31.Januar dieses Jahres ein herausragendes gleichstellungspolitisches Signal gesetzt. Das sollte Vorbildwirkung haben, auch in den Kommunen. Denn seit Jahren sinkt hier der Anteil weiblicher Stadtverordneter wieder. In Potsdam waren 1993 noch 44 Prozent der Stadtverordneten Frauen – heute sind es mit 21 von 57 Mitgliedern nur noch 37 Prozent. Und es gibt auch Fraktionen ganz ohne Frauen. Wir müssen darüber nachdenken wie Kommunalpolitik für Frauen attraktiver gestaltet werden kann. Und wir brauchen Formate, die in unsere Zeit passen. Ich bin davon überzeugt, dass sich auch die Männer darüber freuen, wenn Sitzungen sich nicht stundenlang bis in den späten Abend ziehen. Auch der Wunsch nach immer mehr und in spezialisierteren Gremien hilft da nicht. Familie und politisches Ehrenamt, das muss in unserer Stadt zukünftig wieder besser möglich sein. Sehr geehrte Damen und Herren, eine demokratische Gesellschaft und lebenswerte Stadt kann auf die Sichtweisen, Kompetenzen und Erfahrungen von Frauen nicht verzichten. Das Ziel muss Parität sein – Parität überall, ob in der Politik, in der Wirtschaft, in der Verwaltung und auch in der Wissenschaft sowie im Übrigen auch im kulturellen Bereich. Am Internationalen Frauentag am 8. März gab es die Festveranstaltung der Landeshauptstadt im Potsdam Museum zum Thema „unErhörte Komponistinnen“. Wenn Sie sich einmal anschauen, wie viele Dirigentinnen es gibt und wie viele wunderbare Kompositionen von Frauen in den Konzerthäusern überhaupt nie gespielt werden, dann müssen sie sich doch fragen, dass es doch nicht sein kann, dass Frauen weniger talentiert sind. Auch da braucht es eine gezielte Förderung, um Bekanntheit zu verschaffen und um voranzukommen. Vielleicht können wir es zu einer schönen Regel machen, dass wir zum 8. März ein Konzert mit weiblichen Komponistinnen geben. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns einen erkenntnisreichen, unterhaltsamen und kämpferischen Abend verbunden mit dem Versprechen, dass Sie mich auf Ihrer Seite haben, wenn es darum geht, dass „den Potsdamer Frauen die Hälfte von Potsdam gehört“! (Anm.: Dieser Satz bezieht sich auf das Motto der Veranstaltung: Uns gehört die Hälfte der Welt“)

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News veröffentlicht am 18.03.2019

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